Die großen Klassiker der Wiener Küche interpretiert die Biowirtin in absoluter Bio-Qualität – mit einer Leidenschaft für geschmackvolle Zutaten und ganz ohne Experimente.

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Es ist noch nicht lange her, da hat Cristina Rojik ihr Lokal in der Annagasse umgenannt und aus der Weinbotschaft wurde die Biowirtin. Der Name ist zwar etwas generisch, dafür aber höchstgradig aussagekräftig. Und vor Ort überraschend wenig präsent. Vielmehr ist das Lokal ein willkommener Ausdruck seiner unterschiedlichen Einflüsse und Umstände. Da ist die Besitzerin Cristina Rojik als Person: Nebenan betreibt sie eine Biogreisslerei und vieles im Lokal scheint nach ihren persönlichen Vorlieben gestaltet. Fr. Rojik und ihr Mann sind dann auch abends anwesend, unterhalten die Gäste und erzählen ihre Geschichte in vielen verschiedenen Sprachen. Da ist das absolute Bekenntnis zu Bio-Qualität und Regionalität: In diesem Lokal werden tatsächlich nur Bio-Lebensmittel angeboten. Die Lieferanten sind sowohl auf der Website als auch in der Speisekarte vorbildlich aufgeführt. Nicht mal das auf der Website noch als Ausnahme angeführte – an sich köstliche – Trumer Bier findet sich noch auf der Karte. Und dann ist da die Adresse: Eine Seitengasse und Fußgängerzone mitten im ersten Bezirk, eine Adresse für Geschäftsleute und noch viel mehr für Touristen. Unmöglich, dass hier nicht das Wiener Schnitzel groß auf der Tafel angeschrieben steht. Nur ist es hier eben nicht nur vom Kalb, sondern Bio und wird in der Pfanne mit Mangalitza-Schmalz herausgebacken.

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Auch der Rest der Karte, ist nicht darauf angelegt zu überraschen. Verschiedene Guster werden bedient, aber Vielfalt oder Ausgefallenes sind nicht das Ziel: Eierschwammerlrisotto ein Fischgericht, etwas mit Perlhuhn, Schnitzel, Beiried, Kalsbutterschnitzel und als Tagesspezialität nicht auf der Karte noch ein Gulasch. Mehr Hauptspeisen gibt es nicht. Besonders für Vegetarier und Veganer ist die Auswahl damit sehr dünn. Auch die Weinkarte ist – zumindest was die offenen Weine betrifft – gemessen am alten Namen ausgesprochen kurz. Zubereitet werden die Speisen in der offenen Küche im Eingangsbereich. Im Sommer sitzt man aber natürlich lieber auf einem der sechs Tische im Gastgarten – noch mehr da in der Fußgängerzone keine Autos fahren. Das Service ist freundlich und nicht nur den Wein betreffend emfehlungsfreudig, erwähnt aber nicht, dass eventuell saisonbedingt, die Beilagen nicht denen auf der Karte entsprechen. Die bestellten Speisen kommen schnell.

Die Gurkenkaltschale ist so erfrischend wie erwartet, der Lachs und vor allem das Pesto geben geschmacklich die gewünschten Nuancen. Die Blunzntascherl mit Grammeln erwischen gemeinsam mit der Butter eine angenehme Geschmacksdichte. Leider wirkt der Teig ungewollt trocken und hart. Das Tagesfischgericht ist eine Reinanke – und kommt als ein nicht zu großes Stück Filet auf den Teller. Hier hat man es mit dem Salz zu gut gemeint. Und statt der in der Karte angekündigen Mangold-Ricotta-Ravioli gibt es dazu geschmacklich gutes, aber doch recht gewöhnliches Gemüse zwischen Ofen und Grill. Anders gewürztes Gemüse kommt auch statt dem Warmen Gemüse-Salat als Beilage zur Beiried-Schnitte auf den Teller. Diese trifft in Größe, Farbe, Geschmack und Bratstufe (Medium) aber alle Erwartungen.

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All das ist Kritik auf hohem Niveau, denn man schmeckt, die Qualität der Zutaten. Auf der anderen Seite ergeben der vermittelte Anspruch, Bio-Lebensmittel und die sehr gut gelegene Adresse ein Preisniveau, das teilweise wohl passend ist (Beiried-Hauptspeise 26,5 Euro), mamchmal aber schwer nachvollziehbar. Etwa bei einem kleinen Fischfilet mit Gemüse (28 Euro) oder praktisch keiner Vorspeise unter 13 Euro außer der Tagessuppe (7,5 Euro). Touristen bekommen hier an einer erstklassigen Adresse in erster Linie Küchen-Klassiker in einer sowieso nicht preisgünstigen Gegend in absoluter Bio-Qualität. Zertifiziert von der AMA und einem internationalen Biosigel. Dieses Bekenntnis zu Bio ist auch für Wiener selten in dieser Form anzutreffen – nur manche Speisen könnten im Detail noch ein bisschen besser sein.

Biowirtin
Annagasse 12, 1010 Wien
www.biowirtin.at

EDIT: Die Biowirtin erkochte sich im Jahr 2016 eine Haube. Im August 2018 ging die Biowirtin in Pension und schloss das Lokal.