Foodblogs, Kochsendungen, Rezepthefte und Küchenkurse boomen wie nie. Trotzdem fühlt es sich so an, als würden die allgemeinen Ernährungsgewohnheiten nach unten tendieren. Eine private Initiative in Wien ist dagegen angetreten: Gemeinsam richtig gut kochen in der Wohnhaussiedlung.

Der imposante Wohnbau in Alt Erlaa ist ein seltsamer Konstrukt. In einem Wiener Randbezirk, an einer der großen Ausfallstraßen gelegen wurde der Wohnbau mit über 3000 familiengerechten Wohneinheiten 1976 erstmals bezogen. Zur Zeit wohnen über 9000 Menschen in den 3 großen Blöcken, die auf die Bezirksteile Inzersdorf und Atzgersdorf verteilt sind. Wikipedia beschreibt den Wohn- (und Kauf)park Alt Erlaa als Vorzeigeprojekt einer funktonierenden Satelittenstadt der Siebziger Jahre.

Wohnpark Alt Erlaa (c) Thomas Ledl

Wohnpark Alt Erlaa (c) Thomas Ledl

Selber wohnen mochte ich hier nie. Trotzdem erzähle ich Fremden beim vorbeifahren immer voller Neid, daß auf den Dächern, also etwa im 27.Stockwerk Schwimmbecken für die Bewohner gebaut wurden. Der Blick Richtung Wienerwald muss von dort oben gigantisch sein. In einem Wohnprojekt dieser Größenordnung, mit Einkaufzszentrum, Wohnparkkirche und Sporthalle entsehen natürlich auch viele Initiativen: Von Pensionistenvereinen über Solidaritätsinitiativen bis zu Kochklubs. Letzteren durften wir am letzten Wochenende im Rahmen eines Kinderfestes zwischen den Wohnhausblöcken kennenlernen.

2012 gründete Stephan Palecek essbar.cc als soziales Projekt, das seit 2013 hier vor Ort aktiv ist. Regelmäßige gemeinsame Kochveranstaltungen in Gemeinschaftsräumen oder öffentlichen Flächen vermitteln wie einfach das Kochen mit natürlichen Zutaten ist. Hier werden vorrangig biologische, regionale und saisonale Zutaten verwendet. Die Aktivitäten finanzieren sich durch Spenden und Unkostenbeiträgen bei den einzelnen Kochevents.

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Am Kinderfest kochte Stephan und sein Team gemeinsam mit Kindern Nudeln. Was jetzt einfach klingt, also Nudel aus der Packung und ab ins heisse Wasser, das war es nicht. Sämtliche Ingredienzen wurden von Kinderhand gefertigt. An mehreren Stationen in der selbst zusammengebastelten mobilen Küche konnten die Kleinen den Teig kneten, den Teig ausrollen, ihn mit verschiedenen Stärkegraden durch die Nudelmaschine drehen und schlussendlich in die dünne Spaghettiform schneiden. Vom bemehlten Blech kamen die frischen handgemachten Teigwaren direkt ins heisse Wasser.

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Und während die Nudeln al dente gekocht wurden, zeigte Stephan den Nachwuchsköchen, wie man mit einfachsten Mitteln ein Paradeissugo herstellen kann. Mit Tomatenmark, Knoblauch, Essig, ein wenig Zucker und viel Wasser. Auch hier weniger Vortrag als Interaktion und die Kinder lauschten interessiert und freuten sich auf den einen oder anderen Handgriff. Lebensmittel werden erklärt und die Vorzüge saisonaler Waren beschrieben. „Sowas habt ihr wahrscheinlich auch daheim?“ fragt Stephan und einhellig schreien die Kleinen: „Wasser? Ja klar, das hat doch jeder!“.

Sicher werden sie danach auch noch daheim von der Aktion schwärmen und die Eltern dazu anregen, gemeinsam spielerisch zu kochen. Man mag aber nicht abstreiten, daß der eigentliche Höhepunkt erst jetzt gekommen ist. Nämlich das Verkosten der selbstgemachten Nudeln und Paradeissauce. Wie gut es geschmeckt hat, konnte man nachher natürlich auch an Gesicht und T-Shirt erkennen.

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Die Rezepte zu den einzelnen Kochsessions liegen zum Mitnehmen auf und können auf der Seite des Vereins auch online eingesehen werden. Wie zum Beispiel das Rezept für den Nudelteig.