Beste Wiener Bio-Gastronomie!

Es ist gerade ein paar Tage her, da hat mich eine Bekannte auf das Lokal Gustl Kocht aufmerksam gemacht. Eigentlich ging es um Bier. Wir beide Pilsner Urquell Fans, sie aber noch wissend, dass mein Herz für Bio und die entsprechende Gastronomie schlägt. Dieses Lokal, meinte sie also, ist komplett Bio und schenkt Pilsner Urquell aus. Was sich für mich natürlich ausgeschlossen hat. Denn so gut und natürlich das tschechische Original auch sein mag, als Bio-Bier wird es nicht geführt. Also nicht lang diskutieren, hab ich mir gedacht, sondern einfach mal probieren. Und das war gut so.

Das Lokal liegt nur wenige Minuten von der U-Bahnstation Rochusgasse entfernt, wenige Meter vom Rochusmarkt, direkt auf der Erdbergstraße. Schon von außen fallen die weiten, hellen Fassaden mit den großen Fenstern auf, vor dem Lokal harrt der großzügige Gastgarten den letzten Sommertagen. Viele Gäste sind zur Mittagszeit nicht da, der Betrieb hat aber auch erst seit wenigen Wochen geöffnet. Die Mittagsmenüs müssten eigentlich anziehen, zum Preis von € 7,90 bekommt man 2 Gänge mit variabler Vorspeise (Suppe oder Salat), zum Aufpreis von € 1,50 kommt noch ein dritter Gang dazu. Wir essen aber a la carte und können eigentlich immer noch nicht glauben, dass hier (fast) alles in Bioqualität angeboten wird.

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Während wir eine Kaspressknödelsuppe und die abgebildete Rindsuppe mit sibirischen Pelmeni zum Start verköstigen, studieren wir die Ausführungen in der Karte. Tatsächlich ist Gustl Kocht ein kontrollierter Voll-Bio-Betrieb. Was heisst, dass sämtliche Speisen und Getränke aus rein organischen und zertifizierten Rohstoffen hergestellt werden. Ausnahme: Als „konventionell“ oder „aus freiem Wildfang“ gekennzeichnete Gerichte. Und trotz intensivstem Studium der Karte konnten wir außer dem erwähnten Pilsner Urquell nichts „konventionelles“ entdecken.

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Die Speisekarte deckt ein weites Feld von Küchen ab, offensichtlich ist hier aber eine Vorliebe für osteuropäische Spezialitäten. Die freundliche Bedienung versichert uns glaubhaft, das der Gustl ein Österreicher ist – wobei Eigentümer Christoph „Gustl“ Liebscher offensichtlich eine Vorliebe für die Küche Polens, Bulgariens oder Russlands hat. Nach den Plemeni in der Suppe hatten wir dann gefülltes Karree mit Semmelknödeln (Abbildung oben) und einen polnischen Rostbraten mit Gurken, Zwiebeln, Pflaumen und Buchweizenkroketten. Der war richtig fein – und bitte für € 17,90 fast eine Okkassion. Man möge bedenken, dass sämtliches Fleisch vom Biofleischer Palatin im Burgenland kommt, und gerade bei Biofleisch mit artgerechter Tierhaltung sind die Preisdifferenzen zu konventionellen Produzenten eklatant.

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Bei den Bieren – mittlerweile ist das erste Hadmar BioBier aus Weitra ausgetrunken – hat man sonst eher auf kleinere Brauereien gesetzt. Das Sortiment aus Schremser Bier, Brauhaus Gusswerk, Brauerei Hofstetten, Stiegl Paracelsus oder Hirter Hanfbier überrascht nicht nur – sondern erfreut durchaus. Aber es ist mittags und obwohl uns eigentlich sowohl die vielen BioWeine von den renommierten Gütern aus der Karte anlachen, die Spirituosen (2 cl vom Weltmeister Wodka des Josef Farthofer um nur € 3,40) bleiben wir gesittet: Kaffee und Tee sowie die Buchteln als Tagesmehlspeise.

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Und bei den Buchteln kommt für mich erstmals zu tragen, was in der Speisekarte angeführt war: „Der einzige Trend, dem wir folgen: Es soll so schmecken wie bei Omi.“ Passt! Omi hätte es nicht besser machen können. Die Buchteln waren nicht ganz durchgebacken, glaube man nennt es „sitzen geblieben“.  So wie wir es lieben, das konnten wir beide am Tisch mit einem Schmunzeln als gemeinsame Vorliebe festhalten. Ich kann mich aber an kein Lokal erinnern, das Eierlikör auf der Karte hätte. Hier ist das der Fall. Auch die Schnapskarte ist ein Hammer.

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„Von wo habt ihr denn das Brot?“ frag ich. Eine der Standardfragen um die Kompetenz des Personals zu checken und die handvoll Bäcker ins Spiel zu bringen, die das in dieser Stadt für ein Biolokal liefern könnten. Nein! Sie machen es selber. Geh bitte. Ich hätte es nicht geglaubt, bis mir Marya auch noch den Ofen zeigt: Wir sind die ganze Zeit daneben gesessen.

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Neben dem Ofen gibt es auch noch ein Sichtfenster, von dem die Gäste aus die Geschehnisse in der Küche verfolgen können. Das Lokal arbeitet in vielen Bereichen sehr transparent und vor allem nachhaltig. Auch beim Personal wird der Leitsatz (siehe Bierdeckel) „Platz für alle“ gelebt. Sämtliche Reinigungsmittel sind mit dem österreichischen Umweltzeichen markiert. Im Keller gibt es einen Jugendklub mit Wuzzler etc, im Lokal selber ist ein eigener Bereich für Kids ausgewiesen. Hier gibt es Tische in unmittelbarer Nähe zu einem Kinderspielareal, das wir in dieser Form noch in keinem Lokal „Indoor“ gefunden haben – wenn man die Bemühungen schwedischer Möbelriesen in ihrem Selbstbedienungsbereich ausnimmt. Die Familie von Christoph Liebscher („der Gustl“) hat hier mitgeholfen.

Wir freuen uns, dass es endlich ein vernünftiges Biolokal gibt. Vegane Speisen sind ausgewiesen, die fleischlose Auswahl ist nicht allzu groß, was wohl auch mit der Vorliebe für osteuropäische Küche zu tun hat.

www.gustl-kocht.at   Erdbergstraße 21, 1030 Wien   Telefon: 43 (0)1 712 01 51  der@gustl-kocht.at

Dienstag bis Donnerstag 11 – 23 Uhr,

Freitag 11 – 24 Uhr

Samstag 10 – 24 Uhr

Sonntag und Feiertagen 10 – 20 Uhr

 

Update Sommer 2017:

Als Mittagsmenüs stehen wöchentlich jeweils 5 verschiedene Gerichte zur Auswahl. Hier werden stets Gerichte mit Fisch, vegetarische und vegane Speisen sowie Gerichte mit Fleisch angeboten. 

Preis für 2 Gänge: € 8,50 (Hauptgericht vegetarisch) | € 9,90 (Hauptgericht mit Fisch oder Fleisch)

Preis für 3 Gänge: jeweils + € 1,50 (Dessert oder Kaffee Ihrer Wahl).

Als Fleischlieferanten fungiert mittlerweile Höllerschmid