Einer Liebe soll man auch nach langem Zerklüftnis noch eine Chance geben. Im Rahmen einer geführten Genusstour versuchte ich nun mein Verhältnis zum Wiener Naschmarkt zu retten.

Es war die richtig große Liebe: Der Naschmarkt und ich. Wir hatten unsere Rituale. Zumeist Freitag oder Samstag, also eine klassische Wochenendbeziehung. Gleich nach der Arbeit musste ich zum Naschmarkt, um Spezialitäten für das Wochenende einzukaufen. Noch lieber, und das hat dann fast die Hälfte des Tages eingenommen, waren mir die Einkäufe am Samstag vormittag. Neben den Einkäufen wurde dann auch ausgiebig gefrühstückt, vielleicht ein zweites Frühstück hinterher und im besten Fall dann noch ein spätes Mittagessen beim Deli oder ein Jauserl beim Fruith in der benachbarten Kettenbrückengasse.

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In den letzten Jahren wurde dieses Verhältnis aber durch schwere Eingriffe gestört. Gerade in der Zeit, als ich berufsmäßig nur wenige hundert Meter vom Naschmarkt entfernt war, änderte der Markt sein Bild. Für mich nenne ich es immer das Zeitalter der Wasabi-Nüsse. Anfänglich an einem Stand versteckt und sogar vom Falter noch als Geheimtipp gehandelt wurde ich auch süchtig nach den grün eingefärbten Nüssen. Irgendwann bestand der Naschmarkt beinahe nur noch aus Standln mit bunt eingefärbten Nüssen und den obligatorischen Antipasti. Die Kostproben von letzterem werden jedem Passanten quasi aufgedrängt. Ist der Fisch einmal am Köder, dann wird zumeist das billige Öl mitgewogen und für die 2 Stück Ziegenkäse im Speckmantel und die paar Oliven zahlt man plötzlich 10 Euro. Ooops. Die meisten Stammkunden, so auch mich, hat man dadurch über die Jahre verkrault. Das Hauptklientel sind offenbar ohnehin schon mehr die durchziehenden Touristen. Und für die lohnt sich dann eher eine gastronomische Abgabestelle, denn ein Verkaufsstand. Und so änderte auch die Einkaufsgasse ihr Gesicht und bekam immer mehr Gastronomie, für die eigentlich die benachbarte Fressgasse gedacht war. Als dann die letzten paar Geschäfte, zu denen ich gerne hingegangen bin (Lammfleisch bei Etsan, Gemüse bei der Ungarin) geschlossen haben, war meine Liebe zum Naschmarkt vorbei, die Beziehung beendet. Seit geraumer Zeit wurden die beiden Gassen zwischen Linker und Rechter Wienzeile nur noch gequert.

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Nachdem nun aber seit geraumer Zeit am Markt herumgebaut wurde, saniert und umgestaltet, war es an der Zeit, der alten Liebe wieder mal eine Chance zu geben. Im Rahmen einer geführten Genusstour wollte ich dem Markt eine neue Chance geben, einen kulinarischen Versöhnungsspaziergang also.

Der versierte Naschmarktkenner und Gastronom Peter Nowak bietet bis in den Herbst hinein geführte Spaziergänge an, die jeden Freitag um 14.00 Uhr bei der U-Bahnstation Kettenbrückengasse beginnen, aber auch individuell über seine Firma THE AGENCY buchbar sind. 2 Stunden, in denen mir verborgene Schätze am Markt offenbart wurden und mir für die weggefallenen Geschäfte, neue Optionen angeboten wurden. Jeder Teilnehmer erhält in einem kleinen Stoffsäckchen, das man sich um den Hals hängen kann, einen kleinen Verkostungslöffel. An vielen Ständen bleibt Peter stehen, erklärt exotische Früchte und erzählt Anekdoten von seinen vielen kulinarischen Reisen.

DSC00026Die meisten Standler kennt er persönlich und an vielen Plätzen werden wir hinter die Budel gebeten. Immer wieder gibt es Verkostungen oder schon vorbereitete Teller. Wie bei Mohammed Lashin, einem Ägypter aus Alexandria, der mit seinem Bruder hier zwei Gewürzstände betreibt. Gewürzmischungen, kleine Kostproben (die geräucherten Mandeln und das geräucherte Paprikapulver waren hier meine Entdeckung) und Warenkunde im Bereich des farbigen Pfeffers waren hier an der Tagesordnung. Nun weiss ich auch, daß der rote Pfeffer eigentlich eine Zitrusfrucht ist und der klassische Wiener Kartoffelsalat den weissen Pfeffer benötigt.

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Was teilweise ein Hochgesang auf die internationalen Gewürze ist (Originalzitat Peter: „Der Naschmarkt ist der erste westliche Bazar nach Istanbul“), zeigt umso trauriger, wie es um die letzten heimischen Stände am Naschmarkt bestellt ist. Die Familie Kuczera ist noch standhaft, die Umsatzeinbussen der letzten Jahre treffen sie aber hart. An ihrem Stand bekommt man noch immer ausgezeichnetes regionales Gemüse und Obst, aktuell sind die Kuczeras die erste Adresse für frische Kräuter im Topf.

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Neu ist am Wiener Naschmarkt im Zuge der Sanierung auch die Beschriftung der Gassen/Gänge. Sie tragen vornehmlich die Namen ehemaliger StandlerInnen oder historischer Figuren. Die Mariedl soll eine der lautesten Fratschlerinnen gewesen sein. Fratscheln, so nannte man hier das laute Anpreisen, oft mit dem was die Wiener gerne als „Schmäh“ bezeichnen. Irgendwie fehlt das hier. Das aufdringliche Anpreisen von Kostproben der aktuellen Einheitsstandeln kann man damit wohl nicht mehr bezeichnen.

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Der wirklich letzte Fratschler ist laut unserem versierten Guide der Kräutler-Leo. Der Leo Strmiska, er ist einer der letzten beiden Kräutler Wiens preist hier selber sein Sauerkraut und die eingelegten Salzgurken nur noch sehr selten an. Man sieht ihn nicht mehr sehr oft und angeblich soll es auch für seinen Stand das letzte Jahr am Markt sein. Das hat Die Presse allerdings auch schon vor 2 Jahren hier geschrieben. Viele – vor allem die, die sich nicht das kleine Standbein Gastronomieverabreichungsplätze antun – kämpfen immer mehr mit den steigenden Mieten.

Wo der Pfeffer wächst

Oft schon wollte man mich dorthin schicken, wo der Pfeffer wächst. Daß man dann nicht gleich nach Indien oder Vietnam fliegen muss, zeigte uns Peter in der benachbarten Essgasse. Direkt an der Hinterseite des Naschmarkt Deli wächst hier echter Pfeffer.

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Zur Sezession hin wird der Naschmarkt dann etwas teurer, statt den Obst und Gemüse Basics ist das die Ladenzeile mit ausgefallenem Fleisch (Strass, Känguruh, Wild) oder frischem Fisch sowie einigen Biobäckereien und den Klassikern Pöhl und Gegenbauer. Neben den weltbekannten Essigen, Öl und der Kaffeerösterei gibt es auf den beiden gegenüberliegenden Ständen von Erwin Gegenbauer nun auch in Favoriten gebrautes Wiener Bio-Bier. Mit € 17 für die Literflasche wohl kein Bier zum schnell zischen, aber für perfide Salatmarinaden sind seine Essige ja auch zu schade.

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Meine Liebe zum Naschmarkt wurde neu entflammt, die Touren mit Peter Novak sind sehr zu empfehlen: Das gilt insbesondere auch für Einheimische, die einmal die verborgenen Schätze auch hinter den Budeln kennen lernen möchten.

Peters Naschmarkt Genusstouren:

Dauer: ca. 2 Stunden Mindestteilnehmerzahl: 2 Personen

Termine: Montag – Freitag 14:00 (oder nach Vereinbarung) Samstag: 14:00 (in Ausnahmefällen 08:30 Früh)

Treffpunkt: Vor dem Hauptausgang der U-Bahnstation „Kettenbrückengasse“ (Linie U 4)

Vorausbuchungen unter +43 664 4178320 unbedingt notwendig Preis pro Person: ab € 31,00 (inkl. 20%MwSt)